Sensationelle Diagnosetechnik – sachlich, kompetent und kostengünstig

Anno 2015 – in einer Unfallklinik in Österreichs Bundeshauptstadt Wien.

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Ein deutscher, weiblicher Patient mit Fußverletzung kommt in den Genuss modernster Diagnosetechnik.
Nach erfolgreicher Anmeldung unter Angabe der Beschwerden, Vorlage der gültigen Versichertenkarte und einer privaten Kostenübernahme-Bestätigung werden, nach einer angemessenen Wartezeit, jeweils 3 Patienten gleichzeitig in das Diagnose-Büro gebeten.
Zwei, in Arztkleidung hinter dem Schreibtisch vor 17 Zoll Bildschirme sitzende, Männer erwarten bereits Ihre Patienten. Die medizinischen Zulassungen der beiden sind dekorativ in Blickrichtung der Patienten auf einem Wandboard ausgestellt. Eine zierliche, in Krankenschwester-Outfit gekleidete junge Frau steht dekorativ seitlich vor dem Schreibtisch der beiden Herren – ohne erkennbare Zertifizierung.

Name und Anliegen des benannten Patienten dürfen nun vorgetragen werden. Noch während der Schilderung des Patienten beginnt der Chef-Diagnostiker seinem Flügelmann latinische Fachbegriffe zu diktieren.
Diese werden in Echtzeit und kritiklos in den Rechner übertragen.
Dauer des Vorgangs pro Patient ca. 55 Sekunden.
Nächster halt Röntgen. Eine freundliche Dame schießt ein paar Bilder des beeinträchtigen Fußes und es geht wieder zurück in den Wartebereich. Mittlerweile kennt man seine Leidensgenossen, schließlich teilen alle das gleiche Schicksal. Erste familienübergreifende Gespräche bahnen sich an. Geteiltes Leid ist eben halbes Leid. Nach einer weiteren angemessenen Wartezeit – Zeit ist relativ – wie wir wissen – kommt die finale Aufforderung in den Diagnosetempel einzutreten.

Natürlich nicht jeder Patient alleine, nein, warum auch, (Persönlichkeitsrechte?) – quatsch – natürlich im 3er-Pack. Geteiltes Leid ist eben halbes Leid – das wissen auch die Ärzte – und außerdem ist Diagnostik in dieser Form auch viel effektiver, kostengünstiger und unpersönlicher.

Der Chef-Diagnostiker verkündet nun das Urteil. Schön der Reihe nach und für alle Anwesenden auch gut hörbar. Für unsere weibliche Fuß Verletzte bedeutete dies folgendes:

Dialog: „Haben Sie schon was gegessen heute?“ Antwort: “Ja.“
Kurzer Blick auf den Bildschirm. „Ach, Sie sind aus Deutschland. Na dann. Der Knöchel ist gebrochen. Dann gipsen wir den Fuß nun ein und sie können sich dann in Deutschland operieren lassen. Auf Wiedersehen.“

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Kein Blick auf das Röntgenbild für den Patienten, keine erläuternde Worte – von Tröstenden einmal ganz abgesehen. Also dann ab zur Gips-Abteilung.
In dieser Abteilung herrscht die gute Laune vor. Hier wird unsere Fuß-Verletzte freundlich begrüßt. Ein kleiner aufmunternder Flirt zwischen
Ein-Gipser und Patientin inklusive. Auf Nachfrage wird sofort das Röntgenbild erläutert und tröstende Worte werden ausgesprochen.

Ich – der Begleiter der Fuß-Verletzten – schaue mich um. In keinem der Büroregale sehe ich eine Urkunde oder eine Zulassung der hier Arbeitenden ausgestellt. „Klar“ schießt mir der Gedanke durch den Kopf, ein Zertifikat für Menschen-würdigen-Umgang gibt es noch nicht.

Aber vielleicht sollten Klinikleitung und Kostenträger einmal ernsthaft über diese Art von Zertifizierung nachdenken.

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